Heidelberger Interaktionstraining

Heidelberger Interaktionstraining für pädagogisches Fachpersonal zur alltagsintegrierten Sprachbildung und Sprachförderung ein- und mehrsprachiger Kinder

Konzept

Das Heidelberger Interaktionstraining für pädagogisches Fachpersonal zur alltagsintegrierten Sprachbildung und Sprachförderung ein- und mehrsprachiger Kinder (HIT) ist ein evaluiertes Fortbildungskonzept zur Professionalisierung von Fachkräften aus Krippe, Kindergarten und Schule/Hort. Im Vordergrund steht die Verbesserung bzw. Optimierung der Interaktion Fachkraft-Kind als Schlüsselstelle effektiver alltagsintegrierter Sprachbildung und Sprachförderung. Das HIT basiert auf den Prinzipien des gut evaluierten „HET Heidelberger Elterntraining frühe Sprachförderung“ (Buschmann, 2009, 2011, 2017; Buschmann et al., 2009). Das HET ist ein ebensolches Interaktionstraining, in welchem die Eltern eines in der Sprachentwicklung verzögerten Kindes gezielt zu einem sprachförderlichen Verhalten in ihrer Interaktion und Kommunikation mit dem Kind angeleitet werden. Das HET wird seit 2003 regelmäßig in Heidelberg und seit 2006 in vielen Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt.
 
Das HIT ist kein Sprachförderprogramm, sondern eine persönliche intensive Qualifizierungsmaßnahme, welche darauf abzielt, das pädagogische Fachpersonal für die vielen kleinen Möglichkeiten zur sprachlichen Bildung und Förderung in alltäglichen Interaktionssituationen zu sensibilisieren und sie zu einem optimalen Sprachangebot entsprechend des aktuellen Sprachentwicklungsstands und der individuellen Lernvoraussetzungen eines jeden Kindes zu befähigen. Zudem lernen diese gezielt Sprachlehrstrategien einzusetzen und sind somit in der Lage, auch Kinder mit Spracherwerbsproblemen, mehrsprachig aufwachsende Kinder und Kinder mit Fluchterfahrung beim Sprachenlernen optimal zu unterstützen.

Das HIT existiert in verschiedenen Versionen für den Einsatz in Krippe und Tagespflege „HIT Krippe“ (Buschmann, unter Mitarbeit von Degitz), für den Kindergarten „HIT Kiga“ (Buschmann), für die Vorschule „HIT Vorschule“ (Buschmann) und für Schule/Hort „HIT Schule“ (Buschmann, unter Mitarbeit von Burgdorf-Fuhse). 

Seit 2015 wird das HIT von Referent*innen des ZEL in überarbeiteter Version und mit neu gestalteten Materialen durchgeführt. Zudem bieten wir auch eine Kompaktversion für Leitungskräfte an.

Alle Informationen finden Sie auch in unserem Flyer kompakt zusammengefasst.

Inhalte

Die zentralen Inhalte des Heidelberger Interaktionstrainings (HIT) orientieren sich am „Heidelberger Elterntraining frühe Sprachförderung“ (Buschmann). Beide Konzepte verfolgen identische Ziele, nämlich die Bezugspersonen ein- oder mehrsprachig aufwachsender Kinder zu einem sprachfördernden Interaktionsverhalten zu befähigen, um den Kindern bessere Sprachlernmöglichkeiten zu bieten.

Fachkräfte erwerben im HIT ein umfangreiches Grundlagenwissen zu folgenden Themen: Ablauf der frühen Sprachentwicklung, Verzögerungen und Störungen im Spracherwerb, Mehrsprachigkeit und Methoden der Früherkennung von Sprachauffälligkeiten.

Aufbauend auf diesem Basiswissen lernen die Fachkräfte, situationsübergreifend eine sprachförderliche Grundhaltung gegenüber den Kindern einzunehmen. Sie erfahren, wie sie bestimmte Situationen – z. B. das gemeinsame Anschauen von Bilderbüchern oder das gemeinsame Spiel – gezielt sprachförderlicher gestalten können und welche Verhaltensweisen sich eher hemmend auf die kindliche Sprechfreude auswirken. Viel Wert wird auf den Transfer geübter Verhaltensweisen in alltägliche Situationen innerhalb der Einrichtung gelegt.

Wichtig ist, zwischen Situationen, in denen ein Einzelkontakt mit dem Kind möglich ist (wie beim Wickeln oder Anziehen), und Situationen, die in der Gruppe stattfinden (wie das gemeinsame Essen), zu unterscheiden. Neben dem Grundprinzip „Das Kind aktiv werden lassen“ lernen und üben die Teilnehmer*innen, gezielt Sprachlehrstrategien zur Modellierung kindlicher Äußerungen einzusetzen. Aspekte wie motivierende und offene Fragen zu stellen, insbesondere bei der Bilderbuchbetrachtung und dem dialogischen Lesen, werden ausführlich theoretisch erarbeitet, praktisch geübt und supervidiert.

Organisation

Alle Varianten des Heidelberger Interaktionstrainings sind für eine Gruppengröße von etwa 15 Teilnehmer*innen konzipiert. Die Sitzungen finden im Abstand von etwa vier Wochen statt, sodass die Fachkräfte über einen Zeitraum von 6-8 Monaten intensiv begleitet und supervidiert werden.

HIT Krippe und HIT Kiga werden im ZEL–Heidelberg als sechstägige Fortbildung (à 4,5 Stunden) durchgeführt. Im ZEL–Heidelberg werden die Kurse jeweils zweimal jährlich angeboten. Über die Verlinkung finden Sie die jeweils aktuellen Termine für HIT Krippe bzw. für HIT Kiga. Beide Fortbildungen führen wir auch gerne bei Ihnen vor Ort durch.

HIT Vorschule ist als Fortbildung mit acht inhaltlich aufeinander aufbauenden Terminen konzipiert. HIT Schule wird an sechs halbtägigen Terminen (à 4,5 Stunden) durchgeführt.

Sowohl HIT Vorschule als auch HIT Schule werden derzeit ausschließlich auf Anfrage hin als Inhouse-Veranstaltungen angeboten. Bitte kontaktieren Sie uns bei Interesse telefonisch unter 06221/6516410 oder per E-Mail an buschmann@zel-heidelberg.de.

Methoden

Das Heidelberger Interaktionstraining (HIT) wird in hohem Maße praxisorientiert durchgeführt. Die Module bauen systematisch aufeinander auf. Die Vermittlung der Inhalte geschieht multimedial unter Verwendung verschiedener Methoden aus der Erwachsenenbildung. Im Vordergrund steht das gemeinsame Erarbeiten theoretischer und praktischer Inhalte unter Einbeziehung des Wissens und der Erfahrungen der Teilnehmer*innen.

Mittels Videoclips werden verschiedene Lerninhalte erarbeitet und anschließend aktiv in Kleinstgruppen ausprobiert. Das gezielte und intensive Üben sprachförderlicher Verhaltensweisen im Rahmen des Trainings trägt wesentlich zu einem raschen Transfer in die direkte Arbeit mit den Kindern bei. Die Zeit zwischen den Sitzungen dient dazu, Erfahrungen mit den Lerninhalten zu sammeln. Die Empfehlung an die Teilnehmer*innen, sich zunächst auf die Interaktion mit ein bis drei Kindern, die sprachverzögert sind oder noch wenig Deutsch sprechen, zu konzentrieren, erhöht die Wahrscheinlichkeit, rasche Erfolge bei den Kindern zu erzielen. Das fördert wiederum die Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit, die eine unabdingbare Voraussetzung für eine langfristige Verhaltensänderung ist. Einen Schwerpunkt bildet die Videosupervision einer aktuellen Interaktionssituation mit einem Kind in der Einrichtung: Diese veranlasst jede Fachperson zu einer vertieften Reflexion des eigenen Verhaltens. Jede*r erhält ein individuelles Feedback. Zudem ist ein intensives Lernen voneinander möglich.

Zu den Inhalten jedes Fortbildungsmoduls steht umfangreiches Begleitmaterial zur Verfügung.

Zur Steigerung der Nachhaltigkeit und langfristigen Etablierung im Team hat sich im Anschluss an eine HIT-Teilnahme  ein individuelles oder Teamcoaching inkl. Fall- und Videosupervision in größeren zeitlichen Abständen bewährt.

Wissenschaftliche Evaluation

Die Wirksamkeit des HIT konnte in verschiedenen Studien nachgewiesen werden.

Es zeigte sich eine deutliche Veränderung des Interaktionsverhaltens der pädagogischen Fachkräfte gegenüber wenig sprachkompetenten bzw. sprachverzögerten Kindern. Nach dem HIT gelang es den Fachkräften deutlich besser, den Kindern in Interaktionssituationen mehr Raum zum selber sprechen zu lassen. Zudem  griffen die Fachkräfte die Äußerungen der Kinder viel häufiger auf und nutzten deutlich mehr Sprachmodellierungstechniken, wodurch die Kinder ein besseres Sprachvorbild erhielten (Simon & Sachse 2011; Jungmann et al. 2013).

Auf Kindseite fanden sich Belege für signifikant positive Auswirkungen auf die sprachlichen Fähigkeiten ein- oder mehrsprachig aufwachsender sprachauffälliger Klein- und Vorschulkinder (Buschmann & Jooss 2011; Jungmann et al. 2013; Simon & Sachse 2013). D. h. Kinder, deren Erzieher*innen am HIT teilgenommen hatten, wiesen ein halbes bzw. ein dreiviertel Jahr später bessere sprachliche Fähigkeiten auf als Kinder, deren Erzieher*innen an einer eintägigen Fortbildung zur alltagsintegrierten Sprachförderung teilgenommen hatten (Buschmann & Jooss 2011) oder die zusätzlich jeden Tag Zeit für die Förderung der Kinder, aber keine gezielte Schulung zur alltagsintegrierten Sprachförderung erhalten hatten (Simon & Sachse 2013).

In ihrem Review zur aktuellen Forschungslage hinsichtlich der Wirksamkeit von Sprachfördermaßnahmen in der Kita kommen Egert & Hopf (2016) zu dem Schluss: „Eine erste Sichtung der Forschungslage zu Sprachfördermaßnahmen deutet an, dass alltagsintegrierte Sprachförderansätze, insbesondere für Kinder unter drei Jahren, erfolgsversprechend sind.“ (S. 160)

Weiterführende Literatur:

Buschmann, A./Degitz, B./Sachse, S. (2014): Alltagsintegrierte Sprachförderung in der Kita auf Basis eines Trainings zur Optimierung der Interaktion Fachkraft-Kind, in: Sallat, S./Speer, M. /Glück, C. (Hrsg.): Sprache professionell fördern, Idstein: Schulz-Kirchner Verlag, 416-425.

Buschmann, A. & Sachse, S. (2018). Heidelberg interaction training for language promotion in early childhood settings (HIT). European Journal of Education. DOI: 10.1111/ejed.12263.

Buschmann, A./Jooss, B. (2011): Alltagsintegrierte Sprachförderung in der Kinderkrippe, Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 43, 303-312.

Egert, F. (2017): Wirkung vorschulischer Sprachförderung – Stolpersteine und Praxisimplikation, in: Inckemann, E./Sigel, R. (Hrsg.): Diagnose und Förderung von Kindern mit Zuwanderungshintergrund im Sprach- und Schriftspracherwerb, Kempten: Klinkhardt, 65-78.

Egert, F./Hopf, M. (2016): Zur Wirksamkeit von Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen in Deutschland, Kindheit & Entwicklung, 25(3), 153-163.

Jungmann, T./Koch, K./Etzien, M. (2013): Effektivität alltagsintegrierter Sprachförderung bei ein- und zwei- bzw. mehrsprachig aufwachsenden Vorschulkindern, Frühe Bildung 2(3), 110-121

Schuler, S./Budde-Spengler, N./Sachse, S. (2015): Ergebnisbericht - Analyse der Auswirkung des sprachlichen Interaktionstrainings im Projekt Maus. Ulm: ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Universität Ulm. Hier abrufbar.

Simon, S./Sachse, S. (2011): Sprachförderung in der Kindertagesstätte–Verbessert ein Interaktionstraining das sprachförderliche Verhalten von Erzieherinnen, Empirische Pädagogik, 25(4), 462-480.

Simon, S./Sachse, S. (2013): Anregung der Sprachentwicklung durch ein Interaktionstraining für Erzieherinnen, Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 8(4), 379-397.